Das Kind der Dienstmagd nannte mich im Garten Onkel, dann flüsterte sie einen Satz – und Marco wurde kreidebleich

In dem Moment, als die kleine Sofia auf meine Brust kletterte und mich „Onkel“ nannte, wusste ich, dass in meinem Haus jemand meinen Tod plante.

Ich lag unter der alten Eiche meines verstorbenen Vaters, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, und tat so, als würde ich schlafen. Es war kurz nach vier Uhr nachmittags. Über dem Anwesen von Moretti hing der Duft frisch gemähten Grases, und die Sonne glitt durch die Blätter auf meinen schwarzen Mantel. Für einige Minuten wollte ich vergessen, wer ich war.

Das war gefährlich.

Vierzig bewaffnete Männer bewachten die Mauern. Kameras überwachten jedes Tor, jeden Gang und sogar den schmalen Weg hinter der Küche. Unter dem Weinkeller lag der Bunker meines Vaters, verborgen hinter einer Stahltür. Trotzdem hatte ich seit Tagen das Gefühl, dass die Gefahr nicht von draußen kam.

Sie war bereits im Haus.

Plötzlich landete ein kleines Gewicht auf meiner Brust. Meine rechte Hand fuhr automatisch unter den Mantel und schloss sich um die Pistole an meiner Rippe.

Niemand näherte sich mir, wenn meine Augen geschlossen waren.

Nicht die Wachen. Nicht die Diener. Nicht einmal Marco Bianchi, der seit fünfzehn Jahren an meiner Seite stand.

Ich öffnete die Augen.

Ein kleines Mädchen saß auf mir. Sie war vielleicht drei Jahre alt. Braune Locken fielen ihr ins Gesicht, an ihrer Wange klebte Erde, und am Saum ihres rosa Kleides waren winzige weiße Gänseblümchen aufgestickt.

Eine Hand lag genau über meinem Herzen.

Sie lächelte.

„Hallo, Onkel.“

Mein Finger blieb am Abzugsschutz liegen.

„Wer bist du?“

„Sofia.“

Sie sagte es, als müsste ich ihren Namen längst kennen. Dann griff sie nach der silbernen Taschenuhr an der Kette um meinen Hals. Auf der Rückseite war eine Eiche eingeritzt. Mein Vater hatte sie mir wenige Stunden vor seinem Tod gegeben. Niemand berührte diese Uhr ohne meine Erlaubnis.

Sofia drückte sie an ihr Ohr.

„Deine Uhr singt“, flüsterte sie.

Aus irgendeinem Grund ließ ich die Waffe los.

Schwere Schritte kamen von der Terrasse. Marco erschien im Türrahmen. Sein Gesicht war vor Wut verzerrt.

„Was macht dieses Kind hier?“

Sofia zuckte zusammen.

„Nimm sie sofort von ihm weg!“, donnerte Marco.

Ich richtete mich langsam auf und hielt das Mädchen fest.

„Sprich leiser.“

Marco wandte sich den Dienern zu. „Wer hat sie durchgelassen? Jemand wird dafür bezahlen.“

Eine junge Dienstmagd kam über den Rasen gerannt. Ihr Atem ging stoßweise.

„Sofia! Herr Moretti, bitte verzeihen Sie mir. Ich habe nur einen Augenblick nicht aufgepasst.“

Marco packte sie am Arm.

„Du bringst deine Göre in die Nähe des Chefs?“

„Lass sie los“, sagte ich.

Seine Finger schlossen sich noch fester um ihren dünnen Arm.

Der Garten verstummte.

„Ich habe gesagt, lass sie los.“

Marco gab sie frei. Die Magd presste sofort die Hand auf die rote Stelle an ihrem Arm.

Sofia starrte Marco an. Dann beugte sie sich zu meinem Ohr.

„Onkel Marco wird böse, wenn Mama nicht zuhört.“

Marco wurde ganz still.

„Kinder erfinden Geschichten“, sagte er.

Sofia schüttelte den Kopf. Ihre Finger umklammerten meine Taschenuhr.

„Nein. Du hast Mama gesagt, sie soll heute Abend die Küchentür offen lassen.“

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Mein Blut gefror.

„Was noch?“, fragte ich.

Sie zeigte mit ihrem kleinen Finger auf Marco.

„Du hast gesagt, wenn die Uhr zwölfmal singt, bist du tot und dieses Haus gehört dir.“

In diesem Augenblick öffnete sich irgendwo im Herrenhaus lautlos eine Tür. Marco drehte den Kopf. Ich stand auf, schob Sofia hinter mich und sah zur dunklen Eingangshalle.

Dann tauchte im Türspalt eine behandschuhte Hand auf, die eine schwarze Aktenmappe hielt, und eine fremde Stimme sagte: „Herr Moretti, Sie sollten das sehen, bevor es Mitternacht ist …“

TEIL 2

Die behandschuhte Hand schob die Tür weiter auf. Ein Mann trat in die Eingangshalle. Ich kannte ihn nicht. Er war schmal, trug einen dunklen Anzug und hielt die schwarze Aktenmappe so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten.

Hinter mir begann Sofia leise zu weinen.

„Wer sind Sie?“, fragte ich.

„Luca Ferretti. Buchhalter der Firma.“

Marco bewegte sich sofort auf ihn zu.

„Du hast hier nichts zu suchen.“

Luca blieb stehen. „Ich habe seit drei Tagen versucht, Herrn Moretti zu erreichen. Ihre Männer haben mich jedes Mal abgewiesen.“

Ich sah zu Marco. „Meine Männer?“

„Ein Missverständnis“, sagte er schnell. „Der Mann ist nervös. Er hat vermutlich getrunken.“

Luca öffnete die Mappe einen Spalt. Darin lagen mehrere Seiten mit roten Stempeln und eine kleine Speicherkarte in einer Plastikhülle.

„Ich habe nicht getrunken“, sagte er. „Und wenn Sie diese Unterlagen nicht heute sehen, werden Sie morgen nichts mehr besitzen.“

Die Uhr an meiner Kette lag noch in Sofias Händen. Das Metall war warm von ihrer Haut. Ich nahm sie ihr vorsichtig ab und hörte das leise Ticken, das mein Vater einst als ihr Lied bezeichnet hatte.

„Bringen Sie ihn in mein Arbeitszimmer“, befahl ich.

Marco trat zwischen uns.

„Das ist keine gute Idee.“

„Seit wann entscheidest du, was eine gute Idee für mich ist?“

Sein Blick blieb eine Sekunde zu lange an meiner Hand hängen. Dann lächelte er, doch seine Lippen waren farblos.

„Seit ich dich am Leben halte.“

„Dann solltest du keine Angst vor einer Aktenmappe haben.“

Um halb fünf saßen wir im Arbeitszimmer. Der Raum roch nach Leder, Staub und dem Holzfeuer, das trotz der Wärme im Kamin brannte. Elena, Sofias Mutter, stand mit ihrer Tochter an der Tür. Ich hatte sie hereingerufen, weil ich Marco nicht länger mit dem Kind allein lassen wollte.

Luca legte die erste Seite auf meinen Schreibtisch.

„In den vergangenen sechs Monaten wurden Gelder aus drei Firmenkonten abgezogen. Insgesamt sieben Millionen Euro.“

Elena presste die Lippen zusammen. Marco lachte kurz.

„Lächerlich. Jeder weiß, dass Luca die Bücher nicht beherrscht.“

„Ich habe die Überweisungen nicht veranlasst“, erwiderte Luca. „Aber ich weiß, von welchem Rechner sie ausgelöst wurden.“

Ich nahm die Seite. Neben jeder Zahlung stand ein Zugangscode. Der letzte Teil war mit einem Zeichen markiert: einem kleinen eingeritzten Eichenblatt.

Mein Vater hatte dieses Zeichen nur für Familienangelegenheiten benutzt.

„Wer hatte Zugriff?“, fragte ich.

Luca sah nicht mich an, sondern Marco.

„Nur der Besitzer des Hauptschlüssels.“

Marco schlug mit der Hand auf den Tisch. Das Tintenfass sprang und hinterließ einen schwarzen Fleck auf seiner Manschette.

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„Du beschuldigst mich?“

„Ich nenne die Tatsache.“

In mir stieg eine kalte Gewissheit auf. Dennoch wollte ich sie nicht akzeptieren. Marco hatte neben meinem Vater gestanden, als dieser starb. Er hatte mir in derselben Nacht die Hand gehalten. Er kannte meine Fluchtwege, meine Gewohnheiten, die Codes des Bunkers.

Er kannte mein Leben besser als jeder andere.

Um sechs Uhr fand ich im Korridor hinter der Küche einen frischen Schuhabdruck im Mehl. Die Tür zum Hof stand einen Spalt offen. Elena wurde blass, als sie ihn sah.

„Ich habe sie nicht offen gelassen“, flüsterte sie.

„Wer war heute in der Küche?“

„Marco. Kurz nach Mittag.“

Da erklang aus dem Arbeitszimmer ein schrilles Geräusch. Die Überwachungsanlage zeigte einen Stromausfall im Nordflügel. Gleichzeitig erloschen draußen drei Lampen.

Marco stand plötzlich hinter mir.

„Wir müssen dich in den Bunker bringen.“

„Warum?“

„Weil jemand die Anlage abschaltet.“

„Jemand, der deinen Schlüssel besitzt?“

Sein Gesicht verhärtete sich.

„Du misstraust mir wirklich?“

Ich antwortete nicht. In diesem Augenblick vibrierte Lucas Telefon. Er nahm ab, hörte einige Sekunden zu und reichte es mir.

Am anderen Ende sagte eine verzweifelte Männerstimme: „Herr Moretti, ich habe die zweite Aufnahme gefunden. Sie wurde nicht im Haus gemacht, sondern im Bunker. Und darauf hört man Marco sagen, dass …“

Plötzlich krachte im Nordflügel ein Schuss. Sofia schrie. Marco griff unter sein Jackett, während Luca die Aktenmappe an sich riss.

Ich zog meine Waffe und stellte mich vor Elena und das Kind. Dann bemerkte ich, dass Marco nicht zur Tür sah, sondern direkt auf mich zielte …

TEIL 3

Marco hob die Waffe nur wenige Zentimeter. Doch ich sah es. Seine rechte Schulter spannte sich, sein Daumen glitt über den Sicherungshebel.

„Leg sie weg“, sagte ich.

„Alessandro, hör mir zu.“

„Leg sie weg.“

Elena zog Sofia hinter den schweren Schreibtisch. Luca stand wie erstarrt neben dem Kamin, die schwarze Mappe gegen seine Brust gedrückt.

Draußen rannten Männer über den Kies. Ein zweiter Schuss hallte durch das Haus, diesmal weit entfernt.

Marco lächelte dünn. „Du weißt nicht, was hier geschieht.“

„Dann erklär es mir.“

„Ich habe dich geschützt.“

„Vor wem?“

Er antwortete nicht. Seine Stille war Antwort genug.

Ich sah zu Luca. „Öffnen Sie die Mappe.“

„Jetzt?“

„Jetzt.“

Luca legte die Speicherkarte in den kleinen Abspieler auf meinem Schreibtisch. Das Gerät klickte. Zuerst hörten wir nur ein Rauschen, dann Schritte auf Stein. Die Aufnahme klang, als stamme sie aus dem Bunker.

Marcos Stimme erklang.

„Um Mitternacht wird die Uhr zwölfmal schlagen. Beim zwölften Schlag schießt du. Danach gehört das Anwesen mir.“

Eine zweite Stimme fragte: „Und wenn Alessandro im Bunker bleibt?“

„Dann öffnest du die Seitentür. Der Weinlieferant wartet dort. Niemand wird lebend herauskommen.“

Elena schlug sich die Hand vor den Mund. Luca schloss die Augen. Ich stand reglos da und hörte meine eigene Vergangenheit in Marcos Stimme zerbrechen.

Die Aufnahme lief weiter.

„Was ist mit der Dienstmagd?“, fragte der andere Mann.

Marco lachte leise. „Elena hat Angst um ihre Tochter. Sie wird tun, was ich sage. Und wenn nicht, verschwindet das Kind zuerst.“

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Hinter dem Schreibtisch begann Sofia zu schluchzen.

Marco wurde kreidebleich. „Das ist gefälscht.“

„Deine Stimme ist darauf“, sagte Luca.

„Jeder kann meine Stimme nachmachen.“

Ich nahm die Taschenuhr vom Tisch. Auf der Rückseite glänzte das eingeritzte Eichenblatt im Licht der Lampe.

„Mein Vater hat diese Uhr nicht nur getragen“, sagte ich. „Er hat in ihr einen Tonaufnehmer versteckt. Sie hat jedes Gespräch in unmittelbarer Nähe gespeichert, sobald jemand den Deckel öffnete.“

Marco starrte auf die Uhr.

„Das ist unmöglich.“

„Du hast sie heute Morgen im Arbeitszimmer geöffnet. Du wolltest sehen, ob ich den Schlüssel zum Bunker darin versteckt hatte.“

Seine Hand begann zu zittern.

Ich hob den Deckel. Die Uhr schlug einmal. Ein winziger roter Punkt blinkte an der Innenseite.

„Sofia hat gesagt, sie singt“, fuhr ich fort. „Sie hat gehört, was du selbst nicht bemerkt hast.“

Marco wich zurück.

„Alessandro, ich wollte dich nicht töten. Ich wollte nur zurückholen, was mir zusteht.“

„Sieben Millionen Euro?“

„Dein Vater hat mich jahrelang wie einen Sohn behandelt!“

„Und deshalb sollte ich sterben?“

„Du hättest mir niemals etwas gegeben.“

„Nein“, sagte ich. „Weil du alles genommen hast.“

In diesem Moment stürmten meine Wachen herein. Marco ließ die Waffe fallen. Metall schlug auf Holz.

Ich glaubte, es wäre vorbei.

Dann klingelte im Bunker das rote Telefon, das nur mein Vater und ich benutzen konnten. Luca nahm ab. Sein Gesicht verlor jede Farbe.

„Alessandro“, sagte er, „die Polizei ist unterwegs. Aber jemand hat ihnen gemeldet, dass du den Mord befohlen hast. Und sie besitzen einen Haftbefehl mit deiner Unterschrift …“

LETZTER TEIL

Als Marco seine eigenen Worte hörte, zerbrach sein Lächeln …

Ich dachte, die Wahrheit würde alles beenden. Doch danach begann der schwierigste Teil erst.
Denn diesmal musste ich nicht nur einen Verräter stoppen, sondern mein ganzes Leben neu ordnen.

Im letzten Raum hörte Marco endlich die Wahrheit aus seinem eigenen Mund.
„Ich habe es gesagt.“
Danach sah er mich nicht mehr an.

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