Meine Freundin fuhr mit ihrem Ex zur Selbstfindung, und als ich ihr antwortete, verschwand ihr Lächeln

Astrid sagte mir beim Abendessen, sie werde zwei Wochen mit ihrem Exfreund verreisen, und ich lächelte, obwohl mir der Magen wehtat.

Sie stellte sich direkt vor den Fernseher, sodass ich den Bildschirm nicht mehr sehen konnte. In ihrer Hand hielt sie eine kleine Keramiktasse mit einem Sprung am Henkel, die sie seit dem Einzug jeden Morgen benutzte.

— Ich muss dir etwas Wichtiges sagen, Jonas.

— Ist jemand krank?

— Nein. Es geht um mich.

Das war der Moment, in dem ich wusste, dass es teuer werden würde. Nicht unbedingt finanziell. Astrid sprach immer besonders feierlich, wenn sie etwas tat, für das andere Menschen sich entschuldigen würden.

— Ich fahre mit Garrett zu einem Zentrum für Selbstfindung, sagte sie.

Ich legte die Fernbedienung auf meinen Oberschenkel.

Garrett. Ihr Exfreund aus dem Studium. Der Mann, dessen Bilder noch immer zwischen ihren alten Veröffentlichungen auftauchten und dessen Name jedes Mal fiel, wenn Astrid behauptete, niemand verstehe ihre kreative Seite so gut wie er.

— Wann?

— Nächsten Dienstag. Zwei Wochen Meditation, Schreiben und innere Heilung.

— Nur ihr beide?

Ihre Finger schlossen sich fester um die Tasse.

— Mach daraus bitte nichts Unreifes. Es geht nicht um Garrett. Wir sind inzwischen Freunde. Er macht gerade selbst eine schwere Zeit durch. Außerdem gab es einen Rabatt für zwei Personen.

Ein Rabatt für zwei Personen. Ich sah auf den Sprung im Henkel und dachte daran, wie oft ich diese Tasse ersetzt hatte, weil Astrid sie immer wieder fallen ließ.

— Du musst mir vertrauen, sagte sie. Das ist meine Reise.

Ich nahm einen Schluck Bier. Es schmeckte plötzlich bitter.

— Klingt gut.

Astrid blinzelte.

— Wirklich?

— Wann genau fliegt ihr?

Ihr Gesicht hellte sich auf, als hätte ich eine Prüfung bestanden.

— Dienstagmorgen. Du bist wirklich nicht wütend?

— Wenn du dich selbst finden musst, wer bin ich, dich aufzuhalten?

Sie küsste mich auf die Stirn.

— Deshalb liebe ich dich. Du bist so reif.

In den nächsten drei Tagen kaufte sie neue Yogahosen, sprach von Energien und packte ihren Koffer, während ich still meine Entscheidung traf. Am Montag unterschrieb ich den Mietvertrag für eine kleine Wohnung am anderen Ende der Stadt. Astrid bemerkte nichts. Sie war damit beschäftigt, ihre Aura von einer Frau reinigen zu lassen, die dafür mehr verlangte als meine erste Monatsmiete.

Am Dienstag fuhr ich sie zum Flughafen. Der Koffer rollte über die nassen Pflastersteine und klapperte bei jeder Fuge.

— Zwei Wochen vergehen schnell, sagte sie und küsste mich flüchtig.

— Viel Erfolg beim Finden deiner selbst.

— Ich werde kaum Empfang haben. Mach dir keine Sorgen, wenn ich mich nicht melde.

— Keine Sorge.

Ich blieb am Flughafeneingang stehen, bis sie hinter der Sicherheitskontrolle verschwunden war. Dann fuhr ich nicht nach Hause.

Ich fuhr zum Umzugsunternehmen.

Astrid wusste nicht, dass ihr Name nie auf dem Mietvertrag gestanden hatte. Die Nebenkosten liefen auf mich, fast alle Möbel gehörten mir, und selbst ihre geliebte Sammlung kleiner Sukkulenten hatte ich gekauft. Ich nahm nur meine Sachen mit. Ihre Kleidung legte ich ordentlich zusammen, ihre Bücher stellte ich in Kisten, und die Pflanzen rückte ich ans Fenster.

Auf dem Küchentisch ließ ich einen Brief liegen. Drei Sätze. Mehr hatte ich ihr nicht mehr zu sagen.

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Als der letzte Schrank aus der Wohnung getragen wurde, vibrierte mein Telefon. Eine Nachricht von einer unbekannten Nummer erschien. Ich öffnete sie nicht. Kurz danach klingelte es erneut. Dann noch einmal.

Am nächsten Morgen lag ein Umschlag unter meiner neuen Wohnungstür. Auf der Vorderseite stand nur mein Name. Als ich ihn umdrehte, sah ich das Siegel des Zentrums, in dem Astrid und Garrett angeblich zu sich selbst finden wollten. Meine Hand glitt zum Verschluss…

TEIL 2

Meine Finger blieben auf dem Verschluss liegen. Das Papier roch nach Räucherstäbchen und feuchtem Holz, und für einen Moment war ich wieder am Flughafen, wo Astrid mir versichert hatte, sie werde kaum Empfang haben.

Dann riss ich den Umschlag auf.

Darin lag keine persönliche Nachricht, sondern eine Zahlungsbestätigung. Zwei Personen. Ein gemeinsames Zimmer. Anreise Dienstag, Abreise übernächsten Dienstag. Der Preis war als Paarangebot ausgewiesen.

Ich las die Zeilen dreimal.

Nicht weil ich überrascht war. Sondern weil ich endlich schwarz auf weiß sah, was Astrid mir nicht hatte sagen wollen.

Am selben Nachmittag schrieb sie mir die erste Nachricht über meine elektronische Postadresse.

— Was soll das? Ich bin früher zurückgekommen und du bist verschwunden. Wo bist du?

Ich antwortete nicht.

Eine Stunde später kam die nächste Nachricht.

— Der Vermieter sagt, ich muss einen neuen Vertrag unterschreiben. Ich kann mir die Wohnung allein nicht leisten. Das ist Erpressung.

Dann folgte eine dritte.

— Garrett sagt, du behandelst mich gefühllos und kontrollierend.

Ich musste trotz allem kurz lachen. Garrett hatte also Zeit für eine Einschätzung gefunden.

Am Abend rief ich meinen Freund Lukas an. Er wohnte noch im alten Haus und kannte jeden Ton, der durch die dünnen Wände drang.

— Du glaubst nicht, was hier los ist, sagte er.

— Erzähl.

— Astrid ist gestern mit Garrett aufgetaucht. Sie hat deine Kisten gesehen und ungefähr zehn Minuten lang geschrien.

— Worüber?

— Dass du sie verlassen, beraubt und absichtlich in eine Falle gelockt hast. Ihre Mutter war am Telefon. Ich habe nur eine Seite gehört, aber es klang, als hättest du ihr gesamtes Leben zerstört.

Ich sah auf den Schlüsselbund in meiner Hand. An meinem alten Wohnungsschlüssel hing noch ein kleiner Messinganhänger in Form eines Fisches, den Astrid mir auf einem Straßenfest geschenkt hatte.

— Und Garrett?

Lukas schwieg kurz.

— Der hatte eigene Probleme. Er telefonierte auf dem Balkon mit einer Frau namens Destiny. Sie wusste offenbar nichts von dieser Reise.

— Seine Freundin?

— Anscheinend. Sie hatte Bilder von ihm und Astrid gesehen. Sonnenuntergänge, gemeinsame Mahlzeiten, solche Dinge. Garrett sagte ständig, es sei alles nur eine geistige Auszeit.

— Und glaubte sie ihm?

— Nach dem Ton zu urteilen, nein.

Am Donnerstagmorgen rief Astrids Mutter an. Ich starrte lange auf die Nummer, bevor ich ranging.

— Wie konntest du das meiner Tochter antun?

— Guten Morgen, Frau Keller.

— Sie ist obdachlos!

— Ihre Sachen sind sicher, und sie hat drei Wochen Zeit, eine neue Lösung zu finden. Das ist nicht obdachlos.

— Du bist eifersüchtig auf ihre Verbindung mit Garrett.

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— Ihre Tochter ist mit ihrem Exfreund in ein gemeinsames Zimmer gefahren.

— Es war kein romantischer Urlaub. Es ging um innere Ruhe.

— Mit ihrem Ex. Allein.

Am anderen Ende wurde es still.

— Astrid sagte, du wärst einverstanden gewesen, flüsterte ihre Mutter.

— Das war ich. So einverstanden, dass ich beschlossen habe, meine eigene Ruhe zu suchen.

— Du bist ein herzloser kleiner Mann.

— Vielleicht. Aber ich bin jetzt ein herzloser kleiner Mann mit einem Mietvertrag.

Ich legte auf. Meine Hände zitterten, und ich hasste mich dafür. Nicht aus Schuld. Aus Erleichterung.

Am Abend kam Lukas vorbei und legte mir sein Telefon auf den Tisch.

— Das musst du sehen.

Auf dem Bildschirm war ein Bild aus dem Zentrum. Astrid und Garrett saßen nebeneinander vor einem Feuer. Unter dem Bild stand: „Gemeinsam den Weg nach innen beginnen.“

— Wer hat das veröffentlicht?

— Das Zentrum. Und Astrid hat es weiterverbreitet.

Unter dem Bild erschien eine neue Nachricht von ihr: „Jonas, bitte geh ans Telefon. Garrett und ich müssen dir etwas erklären.“

Im selben Augenblick klingelte meine Tür. Durch den Spion sah ich Astrid. Neben ihr stand Garrett, bleich, durchnässt und mit einem zerknitterten Umschlag in der Hand.

— Jonas, rief Astrid, öffne die Tür. Du sollst endlich die ganze Wahrheit hören…

TEIL 3

Garrett hob den zerknitterten Umschlag, als wäre er ein Ausweis, der ihm Zutritt zu meinem neuen Leben verschaffen konnte. Regen rann aus seinem Haar auf den Kragen seines Mantels.

— Ich habe nichts zu besprechen, sagte ich durch die geschlossene Tür.

— Du schon, antwortete Astrid. Du weißt nur noch nicht, was du wissen musst.

Lukas stand hinter mir und verschränkte die Arme.

— Wenn sie nicht gehen, rufe ich die Polizei.

Astrid lachte trocken.

— Natürlich. Jonas braucht immer jemanden, der ihn rettet.

Ich öffnete die Tür nur einen Spalt.

— Was ist in dem Umschlag?

Garrett sah zu Astrid. Zum ersten Mal wirkte er nicht überlegen.

— Die Buchungsunterlagen. Und die Nachricht, die ich ihr geschickt habe, bevor wir gefahren sind.

— Welche Nachricht?

Astrid fuhr herum.

— Garrett, halt den Mund.

Da wusste ich, dass die Wahrheit nicht in dem Umschlag lag, sondern zwischen ihren beiden Gesichtern.

Ich ließ sie eintreten. Im Wohnzimmer stand noch die ungeöffnete Kiste mit meinen Büchern. Auf dem Deckel lag der Messingfisch, den ich vom alten Schlüsselbund genommen hatte. Garrett bemerkte ihn und setzte sich nicht.

— Wir haben dir gesagt, es sei ein Zentrum für Selbstfindung, begann er. Das stimmt auch. Aber Astrid und ich haben es als Paar gebucht.

Astrid schloss die Augen.

— Das war nicht der Plan.

— Doch, sagte Garrett. Du hast mir geschrieben, dass du Jonas nur noch nichts sagen kannst, weil er sonst alles ruinieren würde.

Mein Hals wurde trocken.

— Zeig es mir.

Garrett reichte mir sein Telefon. Eine Nachricht war geöffnet. Astrids Name stand oben. Darunter las ich: „Wenn wir erst dort sind, kann Jonas nichts mehr zwischen uns bringen. Danach wissen wir, ob wir wieder zusammengehören.“

Die Worte verschwammen. Ich hörte Lukas scharf einatmen.

— Du hast mich also nicht verlassen, um dich selbst zu finden, sagte ich.

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Astrid trat einen Schritt auf mich zu.

— Ich war verwirrt.

— Du hast mich belogen.

— Ich wollte dich nicht verletzen.

— Deshalb hast du mich als Fahrer zum Flughafen benutzt?

Garrett senkte den Blick.

— Ich wusste nicht, dass sie noch mit dir zusammenlebt.

Astrid fuhr zu ihm herum.

— Du wusstest genau, dass ich in einer Beziehung bin.

— Du hast gesagt, sie sei praktisch vorbei.

Das Schweigen danach war lauter als jeder Streit.

Ich legte das Telefon auf den Tisch.

— Warum seid ihr nach fünf Tagen zurückgekommen?

Garrett presste die Lippen zusammen.

— Destiny hat mich gefunden. Sie hatte die Bilder gesehen und wollte die Wahrheit. Ich musste zurück.

— Und Astrid?

— Astrid bekam eine Nachricht von ihrer Mutter, dass du ausgezogen bist.

Astrids Gesicht verlor jede Farbe.

— Ich dachte, du würdest warten.

— Worauf? Dass du dich zwischen uns entscheidest?

Sie begann zu weinen. Früher hätte ich sie in diesem Moment umarmt. Jetzt sah ich nur noch den Sprung in ihrer alten Tasse vor mir und verstand, dass ich jahrelang versucht hatte, etwas zusammenzuhalten, das längst zerbrochen war.

— Bitte komm zurück, flüsterte sie.

— Nein.

Garrett nahm seinen Umschlag wieder an sich.

— Jonas, ich habe noch etwas. Das Zentrum hat die Rückerstattung abgelehnt. Und der Leiter hat die Aufnahmen der gemeinsamen Sitzungen an beide Teilnehmer geschickt.

— Warum erzählst du mir das?

Garretts Gesicht wurde grau.

— Weil auf einer Aufnahme nicht nur Astrid und ich zu sehen sind. Jemand anderes war im Raum. Jemand, der alles gehört hat.

In diesem Moment klingelte mein Telefon. Eine unbekannte Nummer. Ich nahm ab.

— Spreche ich mit Jonas Weber? fragte eine ruhige Frauenstimme. Ich bin die Leiterin des Zentrums. Es geht um Ihre ehemalige Freundin und eine Aufnahme, die heute an die zuständige Stelle weitergegeben wurde…

FINALE TEIL

Dann hörte Astrid ihre eigenen Worte aus dem Lautsprecher…

Ich dachte, die Wahrheit würde alles beenden. Stattdessen begann erst danach der schwerste Teil.
Was dann geschah, ließ mich endlich aufhören, sie zu retten.

Dann hörte sie ihre eigene Stimme.
„Ich bin bereits frei.“
Astrid antwortete nicht mehr.

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