Man entführte mich aus der Tiefgarage, und als Damian davon erfuhr, legte er sein Telefon weg und wurde kreidebleich

Als ich wieder zu mir kam, lag mein Gesicht auf kaltem Beton, und irgendwo über mir zählte eine fremde Stimme die Sekunden bis zu meinem Tod.

Es war 8:51 Uhr am Donnerstagabend. Ich wusste das, weil die rote Anzeige an der Wand flackerte und bei jeder Bewegung meines Kopfes verschwamm. Der Geruch von Öl, feuchtem Staub und scharfem Reinigungsmittel brannte in meiner Nase. Meine Hände waren hinter dem Rücken gefesselt, mein linker Schuh fehlte, und an meinem Handgelenk klebte ein dünner Streifen von dem goldenen Geschenkband, mit dem ich morgens den kleinen Messingschlüssel an meiner Handtasche befestigt hatte.

Der Schlüssel war ein Anhänger, kaum größer als mein Daumennagel. Auf seiner Rückseite standen die Zahlen 8:37. Damian hatte sie vor vier Jahren eingravieren lassen, weil ich damals um 8:37 Uhr zum ersten Mal sein Büro betreten hatte. Seitdem sagte er, es sei der einzige Zeitpunkt gewesen, an dem sein Leben komplizierter geworden sei.

Jetzt lag die Tasche irgendwo neben mir.

»Sie ist wach«, sagte eine Männerstimme.

»Dann holen wir endlich, was wir brauchen.«

Ich öffnete die Augen nur einen Spalt. Zwei Männer standen vor einer Stahltür. Der größere trug eine schwarze Wollmütze, obwohl es in der Garage warm war. Der andere hatte eine Narbe über dem Kinn und hielt mein Telefon zwischen zwei Fingern, als wäre es schmutzig.

»Wo ist der Schlüssel?«, fragte der Narbige.

»Welcher Schlüssel?« Meine Stimme klang rau, aber sie zitterte nicht. Das machte mich selbst nervös.

Er ging in die Hocke und packte mein Kinn.

»Der, den du heute aus dem Büro mitgenommen hast.«

»Ich habe nur meine Handtasche mitgenommen.«

Er schlug nicht zu. Das wäre leichter gewesen. Stattdessen lächelte er und zog eine kleine Schere aus seiner Jackentasche.

»Wir haben eine Stunde.«

»Bis wann?«

»Bis Damian Cross jemanden verliert, den er nicht ersetzen kann.«

Mein Magen zog sich zusammen. Nicht wegen der Drohung. Wegen seines Namens.

Damian würde kommen.

Das war der Gedanke, der mich gleichzeitig beruhigte und erschreckte. Damian kam immer, wenn man ihn herausforderte. Aber er kam vorbereitet. Und ich wusste nicht, ob diese Männer wussten, wie gefährlich er war.

Um 8:56 Uhr wurde ich in einen kleinen Raum neben der stillgelegten Waschanlage gebracht. Eine nackte Glühbirne schwang von der Decke. Ihr Licht schnitt über einen Plastikstuhl, einen rostigen Heizkörper und meine Handtasche, die auf einem Tisch lag. Der Messingschlüssel hing noch daran.

Der Narbige nahm ihn ab.

»Was öffnet er?«

»Meine Geduld nicht.«

Er hob die Hand. Der größere Mann hielt ihn zurück.

»Nicht das Gesicht«, sagte er. »Voss will, dass sie sprechen kann.«

Voss.

Der Name war mir bekannt. Elias Voss hatte früher für Damian gearbeitet, bis er vor sechs Jahren mit drei Lastwagen voller Geld und zwei verschwundenen Männern aus der Stadt geflohen war. Seitdem hatte niemand ihn gesehen. Niemand, außer offenbar den Männern, die mich entführt hatten.

»Du hast ihm etwas aus dem Turm gebracht«, sagte der Größere.

»Ich bringe Damian jeden Abend Kaffee.«

»Keinen Kaffee.«

Er beugte sich näher zu mir. Sein Atem roch nach Pfefferminz und kaltem Rauch.

»Das schwarze Buch.«

Ich spürte, wie sich meine Finger in der Fessel schlossen. Das Buch existierte. Aber es lag nicht bei mir. Zumindest nicht dort, wo sie es suchten.

Um 9:02 Uhr riss der größere Mann mein Telefon an die Wand. Das Glas zersprang. Trotzdem hörte ich noch einmal die letzte Nachricht, die Damian mir geschickt hatte. Ein kurzer Ton. Dann seine Stimme, aufgenommen wenige Minuten zuvor.

»Rachel, antworte mir.«

Nur vier Worte.

Ich hatte ihn noch nie so klingen hören.

Der Narbige stellte einen Laptop auf den Tisch und drehte ihn zu mir. Darauf war ein Bild aus der Tiefgarage zu sehen: ich, wie ich zu meinem Wagen ging. Dann wurde der Bildschirm schwarz. Eine Uhr in der Ecke sprang auf 8:50 Uhr.

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»Dein Chef hat bis 9:50 Uhr«, sagte er. »Wenn er bis dahin nicht liefert, schicken wir ihm ein Stück von dir.«

»Und wenn er liefert?«

»Dann bist du frei.«

Ich sah auf den Messingschlüssel in seiner Hand. Unter dem Tisch begann irgendwo ein Motor zu brummen.

»Nein«, sagte ich leise. »Das bin ich nicht.«

Um 9:06 Uhr riss draußen eine Tür auf. Schritte näherten sich. Der größere Mann zog seine Waffe, der Narbige griff nach meiner Tasche, und im selben Moment vibrierte unter dem Tisch ein zweites Telefon.

Auf dem Display erschien eine einzige Nachricht von Damian.

Ich sah, wie der Narbige danach griff, während seine andere Hand bereits nach dem Reißverschluss meiner Tasche tastete…

TEIL 2

…doch bevor er das Telefon erreichte, erlosch die Glühbirne.

Für drei Sekunden war der Raum vollkommen dunkel. Ich hörte einen Fluch, das Klirren von Metall und das harte Scharren eines Stuhls über den Betonboden. Dann krachte etwas gegen die Wand.

Als das Licht wieder aufflackerte, lag der größere Mann mit dem Gesicht nach unten neben dem Heizkörper. Der Narbige stand an der Tür und hielt den Messingschlüssel an die Kehle eines dritten Mannes, der eine dunkelblaue Jacke trug.

»Noch einen Schritt, und er stirbt«, sagte der Narbige.

Der Mann in der Jacke hob langsam beide Hände.

»Rachel?«

Ich kannte die Stimme nicht. Aber er kannte meinen Namen.

»Wer sind Sie?«, fragte ich.

»Jemand, der dich hier herausbringen soll.«

»Das sagen alle, die mich irgendwohin bringen wollen.«

Der Narbige presste den Schlüssel fester gegen den Hals des Fremden. Ein kleiner roter Kratzer erschien unter dem Metall.

»Wo ist Voss?«, fragte ich.

Der Fremde antwortete nicht sofort. Sein Blick wanderte zu meiner Handtasche.

Das genügte.

»Sie arbeiten für ihn«, sagte ich.

»Nicht für Voss. Für Cross.«

In diesem Augenblick knallte draußen ein Schuss. Der Narbige fuhr herum. Der Fremde nutzte die Sekunde, stieß seinen Ellbogen nach hinten und riss dem Mann die Waffe aus der Hand. Ich rollte mich vom Stuhl, noch bevor jemand mich dazu auffordern konnte. Die Fessel schnitt in meine Handgelenke, als ich über den Boden kroch.

»Bleib unten!«, rief der Fremde.

Ein zweiter Schuss schlug in den Heizkörper. Heißes Wasser spritzte über meine Schulter. Ich biss die Zähne zusammen und erreichte die Tasche.

Der Messingschlüssel lag nicht mehr beim Narbigen. Er war unter den Tisch gerutscht.

Ich streckte die Finger aus.

»Was machst du?«, schrie der Fremde.

»Ich hole etwas, das sie nicht bekommen dürfen.«

Meine Fingerspitzen berührten das Metall. In diesem Moment ging die Tür erneut auf, und eine Frau trat herein. Sie trug einen roten Mantel, hielt eine Pistole mit beiden Händen und sah mich an, als hätte sie mich erwartet.

»Rachel Morgan«, sagte sie. »Du hast Damian Cross vier Jahre lang geholfen, seine Geschäfte zu führen. Heute Nacht hilfst du ihm, seine Freiheit zu behalten.«

»Wer sind Sie?«

»Elena Ward. Bundesstaatsanwältin.«

Der Fremde in der Jacke senkte seine Waffe.

Ich kannte Elena Ward. Nicht persönlich. Aber ihr Name hatte in einem Bericht gestanden, den Damian vor acht Monaten verbrannt hatte. Sie war die Frau gewesen, die versucht hatte, seine gesamte Organisation zu zerschlagen.

»Warum sind Sie hier?«, fragte ich.

»Weil dein Chef in zwölf Minuten entweder verhaftet wird oder tot ist.«

»Und Sie wollen was von mir?«

Elena sah auf den Messingschlüssel.

»Die Wahrheit.«

Der Narbige lachte heiser. Er war wieder auf den Beinen und hielt sich eine Hand auf die blutende Stirn.

»Sie versteht es immer noch nicht. Voss will das Buch. Ward will Cross. Und Cross wird alle töten, um seine Sekretärin zurückzubekommen.«

»Ich bin nicht seine Sekretärin«, sagte ich.

Der Satz war heraus, bevor ich ihn zurückhalten konnte.

Elena sah mich scharf an.

»Dann sag es ihm selbst.«

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Sie nahm ein kleines Funkgerät aus ihrer Tasche. Daraus drang Damian Stimme, ruhig und kalt.

»Sie haben bis 9:50 Uhr. Danach kommt niemand mehr lebend aus diesem Gebäude.«

Der Narbige wurde blass.

»Er blufft.«

»Nein«, sagte ich. »Damian blufft nur, wenn er gewinnen will. Das hier klingt anders.«

Elena trat näher.

»Rachel, hör mir gut zu. Du musst dich entscheiden. Wenn du mir den Schlüssel gibst, kann ich den Datenträger öffnen und Damian entlasten. Wenn du ihn behältst, wird Voss ihn holen. Und wenn Voss ihn bekommt, sterben Menschen, die nicht einmal wissen, dass sie in Gefahr sind.«

»Welcher Datenträger?«

Sie sah auf meine Tasche.

»Der, den du vor vier Jahren in Damans Büro versteckt hast.«

Mein Herz setzte aus.

Niemand wusste davon. Niemand außer mir.

Ich hatte den kleinen Datenträger damals in die hohle Rückseite meines Notizbuchs gelegt, nachdem ich eine Überweisung gefunden hatte, die nicht existieren durfte. Eine Überweisung an den Mann, der meinen Bruder getötet hatte. Ich hatte geglaubt, Damian sei dafür verantwortlich.

Dann hatte ich vier Jahre lang neben ihm gesessen und nach der Wahrheit gesucht.

Um 9:18 Uhr hörte ich draußen schwere Schritte. Mehrere Männer. Damian war da.

Der Fremde packte mich am Arm.

»Wir müssen sofort gehen.«

»Nein.«

»Rachel, wenn Cross hier hereinkommt, beginnt ein Blutbad.«

Ich sah auf die Uhr, auf den Schlüssel und auf Elena Ward.

»Dann sorgen wir dafür, dass er nicht mehr schießen muss.«

»Wie?«

Ich zog den Reißverschluss meiner Tasche auf. Unter einem gefalteten Schal lag ein kleines schwarzes Notizbuch. Ich öffnete es und drückte mit dem Daumen gegen die hintere Abdeckung.

Ein kaum hörbares Klicken erklang.

Doch bevor ich den verborgenen Datenträger herausnehmen konnte, begann das Funkgerät in Elenas Hand zu rauschen. Eine fremde Stimme sagte nur einen Satz.

»Ward, Cross ist nicht das Ziel. Das Ziel sitzt direkt neben dir…«

TEIL 3

…Elena riss den Blick von mir los und schob mich hinter sich.

»Wer spricht da?«, fragte sie in das Funkgerät.

Eine Sekunde lang kam nur Rauschen. Dann erklang eine Stimme, die ich sofort erkannte.

Marcus Bell.

Damian Cross’ Sicherheitschef. Der Mann, der mich jeden Morgen im Aufzug begrüßte und mir manchmal Gebäck aus der Bäckerei an der Ecke mitbrachte.

»Du hättest sie nicht mitnehmen dürfen«, sagte Marcus. »Rachel gehört nicht in deine Hände.«

»Du hast sie verkauft«, erwiderte Elena.

»Ich habe sie geschützt.«

»Indem du ihre Entführung organisiert hast?«

»Indem ich verhindert habe, dass Cross sie zuerst findet.«

Die Tür zum Raum bebte unter einem schweren Schlag. Damian war nur noch wenige Meter entfernt.

Ich drückte die hintere Abdeckung meines Notizbuchs auf. Darin lag kein gewöhnlicher Datenträger, sondern eine winzige Speicherkarte in einer wasserdichten Hülle. Ich hatte sie vor vier Jahren eingesetzt, nachdem ich in einem verschlossenen Ordner eine Rechnung gefunden hatte: Marcus Bell hatte in der Nacht des Anschlags auf meinen Bruder zwei Fahrzeuge aus Damans Lagerhaus entfernen lassen.

Ich hatte nicht nur die Überweisung kopiert.

Ich hatte jedes Gespräch aufgezeichnet, das ich danach zufällig mithörte.

Elena starrte auf die Karte.

»Du hattest sie die ganze Zeit?«

»Ja.«

»Warum hast du sie Cross nicht gegeben?«

»Weil ich nicht wusste, ob er der Täter oder der Nächste auf Marcus’ Liste war.«

Die Tür sprang auf.

Damian stand im Eingang. Sein Anzug war vom Regen dunkel geworden, und an seiner rechten Hand klebte Blut. Hinter ihm lagen zwei bewaffnete Männer auf dem Boden. Sein Blick fand mich sofort.

»Rachel.«

Ich hatte mir vorgestellt, wie es wäre, ihn wiederzusehen. Nicht so. Nicht mit einer Waffe in seiner Hand und dem Ausdruck in seinen Augen, als wäre die ganze Stadt in diesem Raum zusammengebrochen.

»Bleib stehen«, sagte Elena.

Damian hob die Waffe ein Stück höher.

»Nehmen Sie sie aus der Schusslinie.«

»Sie sind hier nicht derjenige, der Befehle gibt.«

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»Dann geben Sie vernünftige.«

Ich trat zwischen sie.

»Damian, leg die Waffe weg.«

Sein Gesicht veränderte sich kaum. Nur seine Finger entspannten sich.

»Hat er dir wehgetan?«

»Nicht mehr als nötig.«

»Das ist keine Antwort.«

»Dann frag mich später.«

Er sah auf die Speicherkarte in meiner Hand.

»Was ist das?«

»Der Grund, warum Marcus deinen Bruder getötet hat.«

Hinter Damian fiel irgendwo Metall zu Boden. Niemand bewegte sich.

Elena nahm die Karte, steckte sie in ein kleines Lesegerät und schloss es an ihren Rechner an. Die erste Tonaufnahme begann mit einem Knacken.

Marcus’ Stimme erklang aus den Lautsprechern.

»Der Junge hat die Lieferung gesehen. Wenn er redet, fällt alles auseinander.«

Dann eine zweite Stimme. Elias Voss.

»Und Cross?«

»Cross erfährt nichts. Ich brauche ihn an der Spitze. Ein toter Bruder macht ihn gefügig.«

Damian wurde vollkommen still.

Ich sah, wie sein Blick den Boden suchte. Das Blut an seiner Hand begann zu tropfen. Ein Tropfen. Noch einer.

Die Aufnahme ging weiter.

Marcus erklärte, wie er die Fahrzeuge umlenken, meinen Bruder abfangen und die Schuld einem rivalisierenden Clan zuschieben wollte. Voss hatte ihn bezahlt. Damian sollte glauben, sein eigener Fehler habe den Tod verursacht.

»Du hast mich vier Jahre lang beobachtet«, sagte ich zu Marcus über das Funkgerät.

»Ich habe dich am Leben gehalten.«

»Du hast meinen Bruder ermordet.«

»Dein Bruder war ein Risiko.«

Damian drehte sich zur Tür.

»Marcus ist im Turm«, sagte ich.

»Ich weiß.«

»Er hat die Entführung geplant.«

»Das weiß ich jetzt auch.«

Elena nahm die Kopfhörer ab. Ihre Stimme war ruhig, aber ihre Hände zitterten.

»Die Aufnahme reicht für Haftbefehle. Gegen Marcus. Gegen Voss. Und gegen mehrere Leute, deren Namen ich noch nicht einmal laut nennen will.«

Ich atmete zum ersten Mal seit Beginn der Nacht richtig ein.

Dann klingelte Damians Telefon.

Er sah auf das Display.

»Wer ist es?«, fragte ich.

»Meine Schwester.«

Er nahm ab. Zuerst sagte er nichts. Sein Gesicht verlor jede Farbe.

»Was ist passiert?«, fragte ich.

Er reichte mir das Telefon.

Eine Kinderstimme weinte am anderen Ende.

»Onkel Damian, Marcus ist bei uns. Er sagt, Tante Claire soll ihm etwas geben. Sonst schießt er auf Sophie.«

Die Verbindung brach ab.

Damian hob langsam den Blick.

»Er wusste, dass wir hierherkommen.«

Elena trat näher an den Rechner.

Auf dem Bildschirm erschien eine neue Datei, die sich selbst öffnete. Darin war ein einzelner Satz gespeichert.

ICH HABE NOCH EINE STUNDE.

Und diesmal war nicht ich das Ziel…

LETZTER TEIL

Damian hörte seine eigenen Worte und schwieg plötzlich…

Ich dachte, die Wahrheit würde mich befreien. Doch sie zwang uns alle, endlich hinzusehen.
Was danach geschah, veränderte mein Leben auf eine Weise, mit der niemand gerechnet hatte.

Im Verhörraum hörte Damian die Aufnahme bis zum letzten Wort.
»Ich brauche kein Zurück. Ich brauche ein Weiter.«
Zum ersten Mal widersprach er mir nicht.

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