Mein Arbeitgeber war seit zwei Jahren wie verschwunden, doch als ich neben seinem Rollstuhl einschlief, veränderte sich plötzlich sein Gesicht

In dem Moment, in dem Dominic Kane lächelte, ließ der Mann im Flur beinahe sein Glas fallen. Ich bemerkte beides nicht, weil ich mit einer Hand noch den Putzlappen hielt und mit der anderen versuchte, mein schmerzendes Knie unter dem Tisch zu verstecken.

Es war kurz nach zwei Uhr morgens im Arbeitszimmer des Kane-Anwesens. Draußen peitschte Novemberregen gegen die kugelsicheren Fenster, drinnen roch es nach Kaminholz, Metall und dem bitteren Desinfektionsmittel, das die Pfleger überall versprühten. Dominic saß vor dem Feuer in seinem schwarzen Rollstuhl, unbeweglich von der Hüfte abwärts, während ich die Messingkante eines niedrigen Tisches polierte.

Seit einundzwanzig Stunden war ich wach.

Morgens hatte ich im Café gearbeitet, nachmittags Büros gereinigt und am Abend meine Mutter im Pflegeheim besucht. Danach war ich mit zwei Bussen zu dieser Festung am Stadtrand gefahren, weil zweiunddreißig Euro pro Stunde bedeuteten, dass Linda Harper vielleicht noch einen weiteren Monat in Willow Glen bleiben konnte.

„Du machst einen Fleck größer“, sagte Dominic.

Ich blickte auf die Tischplatte.

„Dann muss ich ihn wohl kleiner machen.“

Sein Blick wurde scharf. Die meisten Menschen senkten bei diesem Tonfall den Kopf. Ich war zu müde, um Angst zu spielen.

„Du bist neu.“

„Das hat man mir gesagt.“

„Man hat dir auch gesagt, dass du mich nicht provozieren sollst?“

„Nein. Nur, dass ich nicht ungefragt helfen darf.“

Für einen Augenblick war es still. Im Kamin knackte ein Holzscheit. Dominic sah mich an, als hätte ich eine Sprache benutzt, die er lange nicht mehr gehört hatte.

Dann drückte er beide Hände auf die Armlehnen. Seine Finger verkrampften sich. Die Knöchel wurden weiß.

Ich kannte diesen Ausdruck. Meine Mutter hatte ihn während ihrer Krampfanfälle gehabt, kurz bevor ihr Körper sich versteifte. Ich legte den Lappen beiseite.

„Soll ich jemanden rufen?“

„Nein.“

„Sie haben Schmerzen.“

„Ich sagte nein.“

„Das war keine Antwort auf meine Frage.“

Sein Gesicht wurde hart. Doch bevor er etwas sagen konnte, rutschte mein Knie weg. Ich stieß gegen die Tischkante, taumelte und landete auf dem Ledersofa neben ihm. Der Putzlappen blieb in meiner Hand.

„Verdammt“, flüsterte ich.

Dominic sah auf mein geschwollenes Knie.

„Warum arbeitest du damit?“

„Weil mein Knie keine Rechnungen bezahlt.“

„Du kannst gehen.“

„Das ist sehr großzügig. Aber ich brauche den Lohn.“

Wieder dieses Schweigen. Sein Rollstuhl summte leise, als er sich näher an den Kamin bewegte. Ich wollte aufstehen, doch mein Bein zitterte. Also blieb ich sitzen, nur für einen Moment.

Hinter der halb geöffneten Tür stand Ethan Ward, Dominics ältester Vertrauter. Er hielt ein Glas Wasser in der Hand und starrte auf seinen Chef.

Dominic hatte seit zwei Jahren nicht gelächelt. Nicht bei Beerdigungen, nicht bei Siegen, nicht einmal, als ein Richter einen gefährlichen Prozess gegen ihn eingestellt hatte.

Jetzt sah er mich an.

Und seine Mundwinkel hoben sich.

Ich bemerkte es erst, als Ethan das Glas fallen ließ. Das Klirren riss mich aus dem Halbschlaf, aber nicht weit genug. Mein Kopf sank gegen die Sofalehne. Der Geruch von Zedernholz und Regen wurde schwer, meine Finger lockerten sich um den Lappen.

„Miss Harper“, sagte Ethan leise.

Dominic hob eine Hand.

„Lassen Sie sie schlafen.“

„Sie schläft neben Ihnen.“

„Ich sehe das.“

„Das ist nicht sicher.“

Dominic wandte den Blick nicht von mir ab.

„Für wen?“

Ethan antwortete nicht. Er sah stattdessen auf den kleinen Kupferschlüssel, der an einem roten Band aus meiner Schürzentasche hing. Der Schlüssel gehörte zu einer Spieluhr meiner Mutter. Ich trug ihn immer bei mir, weil Linda glaubte, er sei der Schlüssel zu ihrem alten Haus.

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Um halb drei ging Ethan hinaus.

Um drei Uhr wachte ich auf, weil Dominic plötzlich flüsterte:

„Emma, steh auf. Wir müssen über deinen Vater sprechen.“

Ich richtete mich auf.

Sein Gesicht war wieder kalt.

Auf dem Schreibtisch lag eine schwarze Mappe, die vorher nicht dort gewesen war. Dominic griff danach, doch im selben Augenblick öffnete sich hinter uns die Tür, und Ethan trat mit zwei bewaffneten Männern ein. Seine Hand schwebte über dem Griff der Mappe…

TEIL 2

Ethan nahm die Hand nicht von der schwarzen Mappe. Einer der Männer hinter ihm schloss die Tür, der andere blieb direkt vor dem Kamin stehen. Das Feuer spiegelte sich auf seiner Armbanduhr.

Ich war inzwischen aufgestanden, obwohl mein Knie bei jeder Bewegung brannte.

„Was soll das?“, fragte ich.

Ethan sah mich nicht an.

„Geh nach unten, Emma.“

Dominic hielt die Mappe fest an sich gedrückt.

„Nein“, sagte er.

Ethan atmete langsam aus.

„Dominic, du bist müde. Du hast seit gestern kaum gegessen.“

„Und deshalb bringst du bewaffnete Männer in mein Arbeitszimmer?“

„Zum Schutz.“

„Vor wem?“

Ethan lächelte nicht. Das war schlimmer als ein Lächeln.

„Vor Menschen, die du zu nah an dich heranlässt.“

Mein Herz begann zu rasen. Ich dachte an den Kupferschlüssel in meiner Tasche und daran, wie Ethan ihn vorhin angesehen hatte.

Dominic bemerkte meinen Blick.

„Emma, geh hinter meinen Stuhl.“

„Warum?“

„Weil ich es sage.“

„Das klingt nicht nach Schutz.“

Der jüngere Wachmann bewegte sich. Dominic griff unter die Armlehne seines Rollstuhls und zog eine Pistole hervor. Seine Hand war ruhig, aber sein Atem ging flach.

„Noch ein Schritt“, sagte er.

Der Mann blieb stehen.

Ethan hob beide Hände.

„Niemand will dich verletzen.“

„Das hast du schon einmal gesagt.“

Die Worte fielen in den Raum wie ein Schuss.

Ethan wurde blass.

Ich kannte die Geschichte nur aus den Zeitungen: Dominic Kane, einst der unsichtbare Herrscher von Harbor City, war vor zwei Jahren in seinem gepanzerten Wagen angeschossen worden. Die Kugel hatte seine Wirbelsäule verletzt. Sein Fahrer war gestorben. Der Täter war nie gefunden worden.

„Was meinst du damit?“, fragte ich.

Dominic sah zu mir.

„Dein Vater hieß Daniel Harper.“

Mir wurde kalt.

„Woher kennen Sie seinen Namen?“

„Er war Buchhalter.“

„Mein Vater war Lagerverwalter.“

„Das hat man dir erzählt.“

Ethan machte einen Schritt zur Seite.

„Dominic, jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt.“

„Doch. Es ist der einzige Zeitpunkt, den wir noch haben.“

Ich hörte mein eigenes Blut in den Ohren. Mein Vater war gestorben, als ich zwölf gewesen war. Ein angeblicher Arbeitsunfall in einer Lagerhalle. Meine Mutter hatte nie über ihn gesprochen. Die Spieluhr, deren Schlüssel ich trug, war das Einzige, was von ihm geblieben war.

„Was hat mein Vater mit Ihnen zu tun?“, fragte ich.

Dominic schob die Mappe über den Tisch.

„Er hat Zahlen gefunden, die jemand verschwinden lassen wollte.“

Ethan zog seine Pistole.

Alles geschah gleichzeitig.

Der Mann am Kamin riss den Vorhang zur Seite. Dahinter war kein Fenster, sondern eine schmale Stahltür. Dominic drückte auf einen Knopf an seiner Armlehne, und die Tür zum Korridor verriegelte sich mit einem dumpfen Schlag.

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„Du hast das Anwesen abschirmen lassen?“, rief Ethan.

„Vor drei Wochen.“

„Warum?“

„Weil du begonnen hast, meine Medikamente zu verändern.“

Ich starrte ihn an.

„Was?“

Dominic sah mich an.

„Die Dosis, die mich nachts benommen macht. Die Tabletten, nach denen ich plötzlich Dinge unterschreibe, an die ich mich nicht erinnere.“

Ethan lachte kurz.

„Du wirst paranoid.“

„Ich war paranoid, bevor du gelernt hast, meine Rechnungen zu fälschen.“

Der Wachmann am Kamin hob die Waffe.

Ich griff nach einer schweren Messinglampe. Mein Knie schrie, als ich mich bewegte. Die Lampe traf sein Handgelenk, die Pistole rutschte über den Teppich. Dominic feuerte nicht. Stattdessen rollte er vor und rammte den Mann gegen den Tisch.

„Lauf!“, brüllte er.

Ich rannte zur Tür, doch sie öffnete sich nicht.

Ethan stand vor dem einzigen Ausgang. In seiner Hand hielt er nun mein rotes Band mit dem Kupferschlüssel. Er musste es aus meiner Tasche gezogen haben, ohne dass ich es bemerkt hatte.

„Dein Vater hat diesen Schlüssel versteckt“, sagte er. „Und du hast ihn all die Jahre getragen, ohne zu wissen, was er öffnet.“

Dominics Blick fiel auf das Band.

„Wo hast du das her?“

Ethan steckte den Schlüssel in seine Tasche.

„Frag sie.“

Dann ertönte unten im Haus ein schriller Alarm. Auf Dominics Tablet erschien eine einzige Meldung: Die medizinische Akte von Linda Harper wurde soeben aus dem Pflegeheim abgerufen.

Ethan ging rückwärts zur Stahltür.

„In zehn Minuten ist deine Mutter nicht mehr sicher“, sagte er. „Und bis dahin wirst du mir sagen, wo die zweite Hälfte der Aufzeichnungen ist…“

TEIL 3

„Welche Aufzeichnungen?“, fragte ich.

Ethan lächelte endlich. Es war ein dünnes, müdes Lächeln, das nichts Menschliches hatte.

„Die, die dein Vater vor seinem Tod angelegt hat.“

Dominic drückte einen Knopf unter seiner Armlehne. Im gesamten Anwesen gingen die Lichter aus. Nur die Notbeleuchtung tauchte das Zimmer in rotes Licht.

„Du hast zehn Minuten“, sagte Ethan. „Danach fährt ein Wagen nach Willow Glen.“

„Du bluffst“, sagte Dominic.

„Nein. Ich habe gelernt, dass Drohungen bei dir nur funktionieren, wenn sie jemand anderem gelten.“

Ich tastete nach der Wand. Mein Knie zitterte. In meinem Kopf tauchte das Bild meines Vaters auf, obwohl ich mich kaum an sein Gesicht erinnerte: ein kariertes Hemd, ein Bleistift hinter dem Ohr, der Geruch nach Maschinenöl.

„Der Schlüssel“, sagte ich. „Was öffnet er?“

Ethan wandte sich mir zu.

„Das weißt du wirklich nicht?“

„Wenn ich es wüsste, würde ich nicht fragen.“

Dominic sah Ethan lange an.

„Der Schlüssel öffnet den alten Schrank in Daniels Werkstatt.“

„Welche Werkstatt?“, fragte ich.

„Die in der Lagerhalle am Südhafen.“

Ethan hob die Waffe ein wenig.

„Und die zweite Hälfte der Aufzeichnungen ist dort.“

Dominic bewegte seinen Rollstuhl plötzlich nach vorn. Ethan wich zurück, aber nicht schnell genug. Dominic riss ihm den Schlüssel aus der Tasche. Einer der Männer stürzte sich auf ihn. Ein Schuss krachte. Die Kugel schlug in das Bücherregal, und der Geruch von verbranntem Holz füllte den Raum.

Ich rannte zur Tür, während Dominic den Angreifer mit dem Rollstuhl zu Boden drückte. Im Flur warteten zwei von Dominics Sicherheitsleuten. Sie hatten offenbar nur auf das Signal gewartet.

„Nehmt Ethan fest“, befahl Dominic.

Doch Ethan war verschwunden.

Um 3.18 Uhr saßen Dominic und ich in seinem gepanzerten Wagen. Der Regen trommelte auf das Dach. Zwischen uns lag der Kupferschlüssel.

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„Warum nehmen Sie mich mit?“, fragte ich.

„Weil du die Einzige bist, der Ethan nicht auf seiner Liste hatte.“

„Und weil mein Vater etwas wusste.“

„Ja.“

„Hat er für Sie gearbeitet?“

Dominic schwieg.

Ich wandte mich zu ihm.

„Mein Vater ist nicht bei einem Unfall gestorben, oder?“

Seine Finger schlossen sich um die Armlehne.

„Nein.“

Das Wort traf mich härter als jeder Schrei.

In der Lagerhalle roch es nach nassem Beton und altem Öl. Dominic ließ sich von mir in die verlassene Werkstatt schieben. An der hinteren Wand stand ein grüner Metallschrank, dessen Farbe an mehreren Stellen abgeplatzt war.

Ich steckte den Schlüssel ins Schloss.

Er passte.

Dahinter lagen ein Tonbandgerät, drei beschriftete Kassetten und ein Umschlag, auf dem mein Name stand. Meine Hände waren so kalt, dass ich ihn kaum öffnen konnte.

Dominic legte die erste Kassette ein.

Die Stimme meines Vaters erklang. Älter, erschöpft, aber eindeutig.

„Wenn Emma das hört, bin ich tot. Dominic Kane hat den Anschlag nicht befohlen. Ethan Ward hat die Zahlungen genehmigt. Er wollte die Bücher und danach die Kontrolle über alles.“

Dominic schloss die Augen.

Ich hielt den Atem an.

„Ich habe die Überweisungen kopiert“, fuhr Daniel fort. „Die ursprünglichen Dateien liegen bei der Staatsanwaltschaft. Eine Kopie erhält Emma erst, wenn Dominic ihr die Wahrheit sagt.“

Auf der zweiten Kassette nannte mein Vater Kontonummern, Namen und den genauen Zeitpunkt des Anschlags. Ethan hatte den Fahrer bestochen und den Schützen bezahlt. Die Kugel, die Dominic gelähmt hatte, war für seinen Kopf bestimmt gewesen.

Dominic starrte auf das Tonbandgerät.

„Ich habe geglaubt, Daniel sei geflohen“, sagte er.

„Er hat versucht, uns zu schützen.“

„Ich hätte ihn finden müssen.“

„Sie waren der Grund, warum er sterben musste.“

Er nahm den Vorwurf an, ohne sich zu verteidigen.

Dann klingelte sein Telefon.

Ein unbekannter Mann sagte nur: „Die Staatsanwaltschaft hat die Akten geöffnet. Und Ethan weiß, dass Emma die Kopie besitzt.“

Dominic sah mich an.

Am anderen Ende der Leitung ertönte ein zweites Geräusch: das Klicken einer Waffe neben dem Bett meiner Mutter…

DAS FINALE

Als ich seine eigene Stimme hörte, wusste ich, dass es vorbei war…

Ich dachte, die Wahrheit würde uns retten. Aber sie brachte zuerst alles in Gefahr. Im Finale verstand ich, worum Dominic wirklich kämpfen musste.

Dominic hörte die Aufnahme bis zum letzten Wort.
„Ich werde dich nicht länger vor deinen Folgen retten.“
Zum ersten Mal senkte er den Kopf.

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